Predigt Röm 9. 1-5 + 30-33 zum „Israelsonntag“ am 9. August 2026
Liebe Gemeinde,
Die evangelischen Gemeinden in Deutschland begehen seit Anfang der Fünfzigerjahre den Israelsonntag am zehnten
Sonntag nach Trinitatis. Dabei geht es zunächst nicht um den Staat Israel, sondern um die Juden, denen der Name Israel
verliehen ist, (1.Mose 35,10) Das Datum ist angelehnt an den „Tischa be Av“, einem Fasten- und Trauertag am „neunten
Tag des Monats“ nach dem jdischen Kalender, an dem das jdische Volk seinerseits an die Tempelzerstörung in Jerusalemer
gedenkt. Für die Juden war dadurch der Ort Gottes zerstört, an dem er für sie gegenwärtig war. Nun wird in unseren Tagen
immer wieder Formel verwendet, wir stehen an der Seite Israels. Was heißt das eigentlich? Auch darüber wollen wir
nachdenken.
Am Israelsonntag, liebe Gemeinde, so spüren wir, haben wir eine ganze Kirchen- und Weltgeschichte im Hintergrund. Israel
ist der aktuell der sehr brisante Lebensraum für Juden und Palästinenser. Israel ist das Volk, das Gott nach der hebräischen
Bibel zuerst erwählt hat. Das Land ist jenes Stück Land, das der Herr den landlosen Sklaven und Sklavinnen geliehen hat -
und es ist die Heimat unseres gekreuzigten, auferstandenen Herrn, der zu der Samaritanerin sagte: „Das Heil kommt von
den Juden“. Damit meiner er sich, als Jude,
Hören wir am Israelsonntag auf Worte des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom (Röm 9, 1-5; 30-33)
Ich sage in Christus die Wahrheit und lüge nicht und mein Gewissen bezeugt es mir im Heiligen Geist:
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Ich bin voll
Trauer, unablässig leidet mein Herz.
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Ja, ich wünschte selbst verflucht zu sein, von Christus getrennt, um meiner
Brüder willen, die der Abstammung nach mit mir verbunden sind.
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Sie sind Israeliten; ihnen gehören die
Sohnschaft, die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse; ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und die
Verheißungen;
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ihnen gehören die Väter und ihnen entstammt der Christus dem Fleische nach. Gott, der über allem
ist, er sei gepriesen in Ewigkeit. Amen.
Was sollen wir nun sagen? Heiden, die nicht der Gerechtigkeit nachjagten, haben Gerechtigkeit empfangen, die
Gerechtigkeit aber aus Glauben.
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Israel aber, das dem Gesetz der Gerechtigkeit nachjagte, hat das Gesetz nicht
erreicht.
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Warum? Weil es ihm nicht um die Gerechtigkeit aus Glauben, sondern um die Gerechtigkeit aus Werken
ging. Sie stießen sich am Stein des Anstoßes,
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wie geschrieben steht: Siehe, ich richte in Zion einen Stein auf, an
dem man sich anstößt, einen Fels, an dem man zu Fall kommt. Und wer an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen.
Liebe Gemeinde,an die wachsende und wichtige Gemeinde in der heidnischen Welthauptstadt Rom schreibt der wohl
fleißigste Apostel diese Zeilen. Saulus war zum Paulus geworden. Wer heute diese gängige Redewendung gebraucht, will
damit auf eine wesentliche Veränderung hinweisen. Vom Saulus zum Paulus werden, das heißt: sich grundlegend positiv
verändern. In gewisser Weise ist dieses Verständnis auch berechtigt - aber nur zum Teil. Saulus war kein gesetzloser
Bandit, bevor er Paulus, Apostel des Herrn, wurde. Saulus war ein Jude - wie Jesus. Er wuchs in einer strenggläubigen
Familie heran, die sich der pharisäischen Richtung des jüdischen Glaubens um die Zeitenwende eng verbunden fühlte.
Diese Pharisäer waren extrem fromme Menschen, die ganz und gar danach strebten, es Gott recht zu machen. Nicht nur
die zehn Gebote vom Berge Sinai, nicht nur die 613 Gebote und Verbote in den 5 Bchern Mose, nicht nur die Weisungen
der Propheten und der Schriften, sondern auch die sogenannte „Mischna“, also die mündlichen Auslegungen zu den alten
Überlieferungen, regelten ihren Alltag. In der Praxis ging das beispielsweise soweit, dass man sich (und die anderen!)
wegen des Gebots, den Zehnten von den Erträgen abzugeben, damit plagte, sogar Dill, Minze und Kmmel haarklein
abzuwiegen (vgl. Mt 23, 23).
Aus der Begegnung mit dem Auferstandenen gewinnt der „fundamentalistische“ Saulus die klare Erkenntnis, dass dieses
gesetzliche Zerfasern des Alltags nicht Gottes Wille ist. Das heißt nun aber keineswegs, dass damit das Alte Testament, die
Tora abgewirtschaftet hätte. Genau wie Jesus argumentiert Paulus immer und immer wieder mit der Tora. Doch gemeinsam
mit dem Rabbi aus Nazareth, den wir Christen „Messias“ nennen, will Paulus zurück zur schlichten Tora, zum Wegweiser für
das Leben, zur alltäglichen Gerechtigkeit. „Gerecht“ ist nicht, wer die zahllosen, kaum realisierbaren Forderungen der
pharisäischen Gesetze erfüllt. Gerecht ist, wer sein Leben in enger Verbundenheit mit Gott lebt. Gerecht ist, wer aus der
Liebe lebt. Die Liebe ist die Summe der Tora, sagt Paulus gegen Ende des Römerbriefs. Gerechtigkeit ist kein Mittel zur
Selbstrechtfertigung, sondern Dynamik unseres Lebens. Gerecht werde ich in Beziehungen, zu meinen Mitmenschen, zu
Gott. Gerecht bin ich, wo ich mich bei allem Bemühen um gerechtes Tun angewiesen weiß auf Gottes
Barmherzigkeit.Gerecht ist also, wer Gott vertraut und glaubt, dass seine Güte reicht, soweit der Himmel ist. Diese Güte, die
gerecht spricht, wird uns, den Milliarden Nachgeborenen der Heiden und Heidinnen Roms, durch Christus zuteil. Paulus
sagt darum sogar: „Christus ist das Ziel, die Vollendung des Gesetzes.“ Israel – den Juden- hingegen wird diese Güte durch
Gottes Erwählung geschenkt – beiden, Israel und den Völkern aber ganz und gar ohne Grund – allein aus Gnade.
Liebe Gemeinde,In drei langen Kapiteln, 9-11, arbeitet sich Paulus an seiner Herkunft ab. Er leidet daran, dass viele Juden
und Jüdinnen, die Ausweitung der Liebe Gottes auf die Völker und die Bedeutung des Auferstandenen für diese Welt nicht
bekennen. Wer Röm 9-11 aber im Ganzen liest und die judenfeindliche Patina der Jahrtausende abkratzt, beginnt zu ahnen,
was Paulus ursprünglich gemeint hat.Die Kirche, Gott sei es geklagt, ist ihm schon ab dem 2. Jahrhundert nicht mehr
gefolgt, hat nicht verstanden. Dramatischer wirkten die Missverständnisse ab der konstantinischen Wende, als das
Christentum Staatsreligion wurde. Ab dieser Zeit entwickelt die Feindschaft gegen die Juden ein christliches Gesicht. Die
Kirche verfehlt sich selbst - am abgrndigsten im letzten Jahrhundert, welches aber doch immerhin die Wende bringt, das
Ende der jahrtausendealten christlichen Judenfeindschaft einläutet. In einer Erklärung unserer Landeskirche heißt es:
„Dieser unentschuldbare theologische Irrtum hatte entsetzliche Folgen.“ Denken wir dabei auch zurück an die Geschehnisse
der letzten Jahre bei uns in Deutschland und in „Heiligen Land“:
Es ist unsere Christenpflicht, aufzustehen, wo jüdische Menschen angegriffen werden - durch Worte, „Witze“, Vorurteile,
Taten. Dazu gehört selbstverständlich das Gedenken an die Opfer von Auschwitz, aber auch an den Orten in Deutschland.
Aber auch für unsere Schwestern und Brüder in Israel und Palästina die unter einer völkerrechtswidrigen Besatzung Israels
seit nun fast 80 Jahre zu leiden haben.Es war und ist ein Irrtum, wenn Christen meinen, mit Israel haben wir nichts zu tun.
Es war und ist eine fatale Lieblosigkeit gegenüber unseren jüdischen Verwandten und Gottes Wort des Ersten Testament,
aber auch gegenber unseren christlichen Geschwistern die seit ber 2000 Jahren in diesem Land leben. Aber können wir als
Christen einfach darber hinweggehen, wie sich das Israel von heute selbst mit einer zionistischen Ideologie zerstört? Eine
israelische Zeitung schrieb am 23.7. „Israels extreme Rechte wiederholt die Sünde, die zum Untergang des Tempels führte.
Damit erleben wir den gewaltsamen Höhepunkt des israelischen Zionismus.
Aber nein, wir stehen nicht an der Seite einer israelischen Regierung die meint aus der Verpflichtung sich verteidigen zu
müssen und dabei tausende von Menschen tötet und sich dafür als Vorbild den Kampf gegen Amalek nimmt. Mindestens
300 Kinder sind beispielsweise in den letzten 300 Tagen, seit der Verkündung eines Waffenstillstands im Oktober 2025 in
Gaza getötet worden. Es wären noch viele andere Gewalttaten zu nennen, wie die Zerstörung des gesamten Bildungs- und
Gesundheitssystem. Auch das was jeden Tag im Westjordanland geschieht, Wir stehen aber an der Seite der Juden in Israel
die sich für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen
Es waren die Propheten die immer wieder deutlich gemacht haben, dass die Existenz des jüdischen Volkes an Ihre
Gerechtigkeit im eigenen Volk aber auch gegenber anderer Völker gebunden ist. Das heißt keineswegs, dass wir blauäugig
alles bergehen, was israelische Politik an Leiden verursacht. Man darf keinen theologischen Deckmantel ber Unrecht
decken. Gemeinsam eilen wir doch IHM entgegen, dem, der abwischen wird alle Tränen und das neue Jerusalem schafft.
Es ist daher falsch, wenn Christen und ihre Kirche Deutschland dazu schweigen und meinen damit an der Seite Israels
zustehen und die Hilferufe der Schwestern und Brüder in Palästina ignorieren, die sie seit Jahren uns senden, so auch
wieder letzte Woche von Bischof Haddad aus Jerusalem, zu verhafteten Jugendliche aus den Gemeinden. Unser
Bekenntnis zu Christus und seiner Gerechtigkeit, der Status Confessiones ist vor dieser Welt gefordert, wie Dietrich
Bonhoeffer gegen das Naziregime.
Wenn Himmel und Erde vergehen, dann kommt zum Ziel, was Gott mit seiner Schöpfung beabsichtigt. Dann erst, so deutet
Paulus, ist kein Unterschied mehr zwischen Juden und Christen. Darum heißt es in den letzten Sätzen seiner theologischen
Auseinandersetzung:
„In der Vergangenheit wart ihr es, die Gott nicht gehorcht hatten, und durch den Ungehorsam Israels ist es dazu gekommen,
dass ihr jetzt sein Erbarmen erfahren habt.“ Umgekehrt sind sie es, die gegenwärtig Gott ungehorsam sind, und dass ihr
dadurch sein Erbarmen kennengelernt habt, soll dazu führen, dass schließlich auch sie sein Erbarmen erfahren. So hat Gott
alle ohne Ausnahme zu Gefangenen ihres Ungehorsams werden lassen, weil er allen sein Erbarmen erweisen will.Das Ziel
bleibt die Rettung aller Menschen. Dann werden wir jubeln, als ganz und gar Versöhnte, im Einklang mit dem Apostel der
Völker:Gott ist es, von dem alles kommt, durch den alles besteht und in dem alles sein Ziel hat. Ihm gebhrt die Ehre für
immer und ewig.
Amen.
Ernst-Ludwig Vatter, Kirchenrat i.R.
Predigt 1